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Warum ist Kunst so interessant? - Weil sie aus der Luft gegriffen ist. (SCN)
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MANIFESTO oder

Der zweite Anlauf

Wir gehen oft in Kunstausstellungen, ich bewaffnet mit meinem Skizzenbuch und einem Stift, Klaus mit seinem Fotoapparat. Wir sammeln Eindrücke, Wissen und Anregungen. Am Zweiten Weihnachtstag 2016 waren wir in der Ausstellung MANIFESTO in der Staatsgalerie Stuttgart, einer Film-Installation von Julian Rosenfeldt. Zwei Bilder aus meinem Skizzenbuch „Museen III“ möchte ich aus aktuellem Anlass hier als Bilder des Monats März zeigen. Klaus und ich finden, dass die Ausstellung unbedingt sehenswert ist, wir möchten aber aus unserer Erfahrung heraus dringend empfehlen, sich vorher auf dieses Erlebnis gut vorzubereiten. MANIFESTO ist noch bis zum 21.05.2017 im Museum Villa Stuck in München zu sehen. Weitere Infos sehen Sie  hier in einem Video-Beitrag der Deutschen Welle. Wir besuchen die Staatsgalerie Stuttgart eigentlich wegen der Ausstellung Francis Bacon. Über »Manifesto« haben wir auch etwas gelesen. Und so stolpern wir neugierig, doch ungenügend vorbereitet in diesen dunklen Raum, der durch Zwischenwände in Kammern unterteilt ist. Die seitlichen Durchgänge sind breit und offen. Dreizehn 10-Minuten-Filme laufen hier gleichzeitig ab, alles in englischer Sprache ohne Untertitel. Nach einer ersten Orientierungsphase weicht die Überraschung der Faszination. Wir haben gelesen, dass es um Künstlermanifeste der letzten 100 Jahre geht. Nicht ganz, denn auch das Manifest der Kommunistischen Partei von Karl Marx und Friedrich Engels aus dem Jahr 1848 spielt eine Rolle. Wir sind gebannt von den Bildern, aber angestrengt von der Gleichzeitigkeit von bis zu vier Filmen in einer Kammer. Und irgendwann bemerken wir, dass die Schluss-Monologe am Ende jedes Films synchronisiert sind: sie bilden einen Chor, ja fast schon einen gewaltigen Choral, den man am besten hört, wenn man sich in einen der offenen Durchgänge stellt. Ohne noch wirklich das Inhaltliche zu begreifen - Julian Rosenfeldt geht es in seiner Filminstallation um die Frage der Aktualität der collagenhaft zitierten Manifeste - begeistert uns die Schauspielerin Cate Blanchett mit ihrer unglaublich wandlungsfähigen Schauspielkunst. Sie spielt alle zwölf Charaktere. Und die könnten unterschiedlicher kaum sein. Ich bin geplättet, verwirrt. An die Dunkelheit gewöhnen sich meine Augen, aber bis zu vier unterschiedliche Filme gleichzeitig zu sehen und zu versuchen, die englischen Texte zu verstehen, überfordert mich. Ich will erfassen, was vor sich geht, ich versuche eine Strategie zu entwickeln, mit den vielfältigen Sinneseindrücken umzugehen und ich bin fasziniert, wie mich das Ungewohnte aus meiner gewohnten Bahn wirft. Ich verstehe die Zusammenhänge nicht: Das gesprochene Wort passt nicht zum gezeigten Bild. Ich zeichne nichts, weil es stockdunkel ist. Ich verlasse den Ausstellungsraum und ziehe mich im Flur unter eine Treppe zurück, wo der Ständer für die Klappstühle steht. Ich sitze unter der Treppe und mein Kopf schwirrt. Ich muss mich neu sortieren. Ich zeichne, was ich unmittelbar sehe und fühle und notiere zum Bild das eben Erlebte auf Englisch, denn die deutschen Wörter fallen mir nicht ein: „In the darkroom it is forbidden to take the portable chair with me. There are many seats. In each room are three or four films with tone and statements of the artiist Julian Rosefeldt. Outside it’s also so surreal. There are many portable chairs under the stage. And the noise of clapping doors, metallic voices halls – many different halls of steps of the visitors you can’t see.” Im Außenbereich finde ich eine Postkarte mit der Aufschrift Poesie der Dinge, wenig Weiß auf schwarzem Grund, die passt mir irgendwie und ich nehme sie mit. Daraus entsteht dann zu Hause mein zweites Bild mit der nicht weltbewegenden aber zum ersten Mal in meinem Leben wirklich tief erlebten Erkenntnis: „IN A DARK ROOM PAINTING IS NOT POSSIBLE.“ Wir schauen nicht alle Filme an, kaufen stattdessen das Buch zur Installation und beschließen, uns um die zitierten Manifeste zu kümmern und ein zweites Mal zu kommen. Gleich im Januar machen wir unser Vorhaben wahr. Und nun begreifen wir die Dimension dieses Kunstwerks und seiner Inhalte. 130 Minuten »Kino« auf höchstem Niveau! Fazit: Wer die Installation besuchen will - derzeit läuft sie in München -, sollte gut vorbereitet sein. Unser Prädikat lautet: Sehr empfehlenswert! SC Nickus/KT Brandstetter
Das Jagsthausener Künstlerhaus
Alle Bilder des Monats können Sie in der  Galerie betrachten.
Skizze, 2016 Skizze/Collage, 2016
Bild des Monats: März 2017 Aus meinem Skizzenbuch (Museen III): Manifesto (oben) Painting is not possible (unten) 2016